Das Wichtigste im Überblick
- Definition: Der ATR bildet den Durchschnitt der True Range über einen gewählten Zeitraum und gibt das Ergebnis in Preiseinheiten an. Er misst das Ausmaß der Kursbewegung, nicht deren Richtung.
- Formel: Die True Range ist der größte von drei Messwerten. An Tagen mit Kurslücken ist der vorherige Schlusskurs für ihren Wert ausschlaggebend. Bei Wilders Glättung erhält der neueste Kursbalken ein Gewicht von 1/14.
- Werte interpretieren: Ein steigender ATR bedeutet, dass die Handelsspannen zunehmen; ein fallender ATR zeigt, dass sie abnehmen. Ein nicht normalisierter Wert lässt sich nicht zwischen verschiedenen Vermögenswerten vergleichen. Dafür muss er als Prozentsatz des Kurses ausgedrückt werden.
- Anwendung: Stopps werden in einem Abstand zum Einstiegskurs gesetzt, der einem Vielfachen des ATR entspricht. Die Positionsgröße ergibt sich aus dem Risikobudget geteilt durch diesen Stoppabstand.
Was ist die Average True Range (ATR)?
Der ATR ist die durchschnittliche Bewegungsspanne des Kurses je Kursbalken über einen festgelegten Zeitraum, ausgedrückt in den Preiseinheiten des jeweiligen Instruments.
Wilder entwickelte diese Kennzahl für Märkte, in denen Kurslücken auftreten. An Rohstoffmärkten kann der Eröffnungskurs weit über oder unter dem vorherigen Schlusskurs liegen. Eine Handelsspanne, die nur das aktuelle Hoch und Tief berücksichtigt, erfasst diesen Kurssprung nicht. Die True Range bezieht deshalb den vorherigen Schlusskurs als Referenzpunkt ein. Der ATR bildet den Durchschnitt dieser erweiterten Spannen.
Da die Formel mit absoluten Beträgen arbeitet, ergeben ein starker Kursrückgang und eine gleich große Rally denselben Wert. Deshalb ist der ATR eine beschreibende, nachlaufende Kennzahl, die üblicherweise mit einem Instrument zur Bestimmung der Kursrichtung kombiniert wird.
Die Formel der Average True Range Schritt für Schritt
Die True Range ist der größte von drei Messwerten. Der ATR ist der geglättete Durchschnitt dieser Werte über den gewählten Zeitraum. Wilder benötigte für jeden Kursbalken einen Wert, der die gesamte Bewegungsspanne des Kurses einschließlich eines möglichen Sprungs gegenüber dem vorherigen Schlusskurs erfasst.
Schritt 1: Die True Range berechnen
Die True Range eines einzelnen Kursbalkens ist der größte von drei Werten: aktuelles Hoch minus aktuelles Tief, der absolute Betrag aus aktuellem Hoch minus vorherigem Schlusskurs und der absolute Betrag aus aktuellem Tief minus vorherigem Schlusskurs. Absoluter Betrag bedeutet, dass der Abstand ohne Vorzeichen erfasst wird, denn Wilder maß das Ausmaß der Kursbewegung und nicht deren Richtung.
Welcher Ausdruck den größten Wert liefert, hängt von der Form des Kursbalkens ab:
- Liegt der vorherige Schlusskurs innerhalb der Spanne des aktuellen Kursbalkens, ist Hoch minus Tief der größte Wert.
- Bei einer Aufwärtskurslücke liegt das aktuelle Tief über dem vorherigen Schlusskurs. In diesem Fall ist Hoch minus vorheriger Schlusskurs maßgeblich.
- Bei einer Abwärtskurslücke liegt das aktuelle Hoch unter dem vorherigen Schlusskurs. Dann ist der absolute Betrag aus Tief minus vorherigem Schlusskurs maßgeblich.

Dieselbe Regel lässt sich kürzer ausdrücken: Man nimmt den höheren Wert aus Hoch und vorherigem Schlusskurs und zieht davon den niedrigeren Wert aus Tief und vorherigem Schlusskurs ab. Das lässt sich in einer Tabellenkalkulation einfacher berechnen.
Schritt 2: Der erste ATR ist ein einfacher Durchschnitt
Der erste ATR-Wert ist das arithmetische Mittel der ersten 14 True-Range-Werte, da noch kein vorheriger ATR vorliegt. Dieser erste Wert wird also gar nicht mit Wilders Glättungsformel berechnet. Er bildet den Ausgangspunkt für alle späteren Werte.
Schritt 3: Für nachfolgende ATR-Werte wird Wilders Glättung verwendet
Die nachfolgenden ATR-Werte werden mit Wilders Glättung berechnet: Der vorherige ATR wird mit 13 multipliziert, die aktuelle True Range hinzugefügt und die Summe durch 14 geteilt.
TR = max( Hoch - Tief, |Hoch - vorheriger Schlusskurs|, |Tief - vorheriger Schlusskurs| )
ATR = ( (vorheriger ATR x 13) + aktuelle TR ) / 14
Die Zahlen 13 und 14 bestimmen die Gewichtung und sind keine willkürlichen Konstanten. Der neueste Kursbalken trägt 1/14 zum neuen Wert bei, die gesamte vorherige Historie die verbleibenden 13/14. Diese Gewichtung erzeugt eine geglättete Linie und ist zugleich der rechnerische Grund dafür, dass der Indikator nachläuft.
Rechenbeispiel: 15 Kursbalken, darunter zwei Tage mit Kurslücken
Die folgende Tabelle verwendet eine beispielhafte Tageskursreihe. Alle True-Range-Werte sind aufgeführt. Der erste ATR erscheint bei Kursbalken 14, und Kursbalken 15 veranschaulicht den Glättungsschritt. Für Kursbalken 1 gibt es keinen vorherigen Schlusskurs, daher beträgt seine True Range einfach 102,00 minus 99,00. Bei Kursbalken 2 tritt die erste Kurslücke auf: Die Handelsspanne beträgt 2,00, doch der vorherige Schlusskurs von 100,50 liegt unter dem Tief von 101,00. Daher liefert Hoch minus vorheriger Schlusskurs mit 2,50 den größten Wert. Eine Tabelle, die nur Hoch minus Tief berücksichtigt, hätte 2,00 erfasst.
| Kursbalken | Hoch | Tief | Vorheriger Schlusskurs | True Range | ATR |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 102,00 | 99,00 | keiner | 3,00 | |
| 2 | 103,00 | 101,00 | 100,50 | 2,50 | |
| 3 | 104,00 | 101,50 | 102,00 | 2,50 | |
| 4 | 105,00 | 102,00 | 103,00 | 3,00 | |
| 5 | 106,00 | 103,00 | 104,00 | 3,00 | |
| 6 | 103,00 | 99,50 | 105,00 | 5,50 | |
| 7 | 101,00 | 98,00 | 100,00 | 3,00 | |
| 8 | 100,00 | 96,00 | 99,00 | 4,00 | |
| 9 | 97,00 | 94,00 | 96,50 | 3,00 | |
| 10 | 98,00 | 95,00 | 95,00 | 3,00 | |
| 11 | 99,50 | 96,00 | 97,00 | 3,50 | |
| 12 | 104,00 | 98,50 | 99,00 | 5,50 | |
| 13 | 105,00 | 102,00 | 103,00 | 3,00 | |
| 14 | 106,00 | 103,00 | 104,00 | 3,00 | 3,39 |
| 15 | 107,00 | 104,00 | 105,50 | 3,00 | 3,36 |
Kursbalken 6 zeigt die deutlichste Kurslücke. Der Kurs schloss bei 105,00, und der nächste Kursbalken bewegte sich zwischen 99,50 und 103,00, also vollständig unter diesem Schlusskurs. Der absolute Betrag aus Tief minus vorherigem Schlusskurs ergibt daher 5,50, gegenüber einer Handelsspanne von 3,50. Kursbalken 12 zeigt den umgekehrten Fall: Er hat mit 5,50 eine große Spanne, doch der vorherige Schlusskurs von 99,00 liegt innerhalb dieser Spanne. Daher ist Hoch minus Tief maßgeblich.
Für den ersten ATR werden die True-Range-Werte der Kursbalken 1 bis 14 addiert. Ihre Summe beträgt 47,50 und ergibt geteilt durch 14 einen ATR von 3,39. Bei Kursbalken 15 wird die Glättung angewendet: 3,39 multipliziert mit 13 ergibt 44,11; zuzüglich der aktuellen True Range von 3,00 ergibt das 47,11; geteilt durch 14 sind es 3,36.
So interpretieren Sie die Werte der Average True Range
ATR-Niveau, steigender ATR und fallender ATR
Das absolute Niveau zeigt die aktuelle durchschnittliche Handelsspanne an. Ein Wert von 3,39 bei einem Instrument mit einem Kurs von 100 Dollar bedeutet, dass die jüngsten Kursbalken im Durchschnitt eine Spanne von etwa 3,39 aufwiesen.

Die Steigung zeigt, ob die Volatilität zu- oder abnimmt. Eine Ausweitung begleitet häufig den Beginn einer gerichteten Kursbewegung, eine Verengung häufig eine Konsolidierung. In volatilen Märkten steigt der ATR schnell. In weniger volatilen Märkten können niedrige ATR-Werte wochenlang bestehen bleiben.
Warum sich ein ATR-Wert nicht direkt mit dem eines anderen Vermögenswerts vergleichen lässt
Der ATR wird in Preiseinheiten angegeben und skaliert daher mit dem Kurs des Vermögenswerts. Eine Aktie, die bei etwa 25 Dollar gehandelt wird, weist in der Regel einen deutlich niedrigeren ATR auf als eine Aktie mit einem Kurs von etwa 250 Dollar, selbst wenn sich beide prozentual ähnlich stark bewegen. Bei einer Aktie, die von 70 auf 20 gefallen ist, liegen die ATR-Werte vor und nach dem Rückgang ebenfalls auf unterschiedlichen Größenskalen. Dadurch lässt sich die historische Reihe nur schwer als durchgängige Kennzahl interpretieren.
ATR%: Volatilität auf normalisierter Basis vergleichen
Wird der ATR durch den Kurs geteilt, entsteht aus dem Rohwert eine Prozentangabe. Damit lässt sich die Kursvolatilität zwischen verschiedenen Instrumenten und über die Zeit vergleichen. Hier wird der ATR durch den Schlusskurs geteilt und mit 100 multipliziert. Jede konsequent angewendete Berechnungskonvention ist geeignet, denn es geht um einen relativen Vergleich und nicht um einen absoluten Standard.
| Vermögenswert | Kurs | ATR | ATR in % des Kurses |
|---|---|---|---|
| Nvidia | 115,74 | 7,20 | 6,2 % |
| Johnson & Johnson | 162,84 | 2,73 | 1,7 % |
| S&P 500-Index | 5.614,56 | 100,34 | 1,8 % |
Von Charles Schwab im April 2025 veröffentlichte Zahlen zu Kursen von Ende März 2025. Die Prozentangaben sind gerundet.
Die Tabelle beantwortet eine Frage, die ein nicht normalisierter ATR offenlässt. Der ATR von Nvidia in Höhe von 7,20 entspricht 6,2 Prozent des Kurses und beschreibt damit ein Instrument, das sich an einem durchschnittlichen Handelstag um rund sechs Prozent seines Werts bewegt. Das ist ein anderes Volatilitätsumfeld als bei dem Wert von 1,7 Prozent in der zweiten Zeile. Um die Marktvolatilität verschiedener Instrumente zu beurteilen, ist die relative Größe erforderlich, nicht der Rohwert.
Average-True-Range-Bänder und Volatilitätskanäle
Es gibt keinen einheitlich standardisierten Indikator namens ATR-Bänder. Der Begriff bezeichnet üblicherweise Bänder, die in einem festgelegten Vielfachen des ATR oberhalb und unterhalb eines gleitenden Durchschnitts verlaufen. Dies entspricht dem Aufbau von Keltner-Kanälen.
Was mit "ATR-Bändern" üblicherweise gemeint ist
Ein Band entsteht, indem zu einem gleitenden Kursdurchschnitt ein Vielfaches des ATR addiert oder davon subtrahiert wird. Eine gängige Konfiguration verwendet einen gleitenden Durchschnitt über 20 Perioden und einen ATR-Multiplikator von 2. Die Standardeinstellungen unterscheiden sich jedoch je nach Plattform.
Der Multiplikator bestimmt die Breite. Ein größerer Multiplikator erzeugt Bänder, die der Kurs seltener erreicht; ein kleinerer Multiplikator führt zu Bändern, die der Kurs häufig überschreitet. In sehr volatilen Märkten weiten sich die Bänder aus, ohne dass die Periodeneinstellung geändert wird.
ATR-Bänder im Vergleich zu Bollinger-Bändern
Beide bilden eine Volatilitätshülle um einen gleitenden Durchschnitt. Sie unterscheiden sich darin, welche Größe ihre Breite bestimmt.

| Merkmal | ATR-Bänder (Keltner-Aufbau) | Bollinger-Bänder |
|---|---|---|
| Bestimmungsgröße der Breite | Durchschnittliche Spanne der Kursbalken einschließlich Kurslücken | Standardabweichung der Schlusskurse |
| Reaktion auf Kurslücken | Ja, über die True Range | Nein, nur Schlusskurse |
| Typische Anwendung | Trendfolge, Ausbruchshandel, Referenz für nachgezogene Stopps | Rückkehr zum Mittelwert, Erkennung von Squeeze-Phasen |
In der Praxis wirkt sich dies auf das Reaktionsverhalten aus. Eine Kurslücke weitet ein ATR-Band sofort aus, weil die True Range sie erfasst. Ein Bollinger-Band, das ausschließlich auf Schlusskursen basiert, reagiert dagegen nicht auf dieselbe Weise. Keiner der beiden Indikatoren liefert ein Richtungssignal.
So nutzen Sie den ATR-Indikator in einer Handelsstrategie
Der ATR wird zur Bemessung des Risikos verwendet, nicht zur Erzeugung von Einstiegssignalen. Stopps werden in einem Abstand zum Einstiegskurs platziert, der einem Vielfachen des ATR entspricht. Anschließend wird die Positionsgröße aus dem Risikobudget geteilt durch diesen Stoppabstand abgeleitet.
Stop-Loss-Platzierung mit dem ATR
Ein ATR-Stopp liegt um ein gewähltes Vielfaches des aktuellen ATR vom Einstiegskurs entfernt. Der Abstand passt sich dadurch an die Volatilität an. Er orientiert sich an der durchschnittlichen Handelsspanne und nicht an Unterstützungs- und Widerstandsniveaus. Deshalb kann er auf einem Niveau liegen, das im Chart willkürlich erscheint, aber im Verhältnis zum bisherigen Kursverhalten des Instruments steht.
Im obigen Rechenbeispiel mit einem ATR von 3,39 und einem Einstieg bei 100,00 liegt ein Stopp beim einfachen ATR bei 96,61, beim zweifachen ATR bei 93,22 und beim dreifachen ATR bei 89,83. Der Multiplikator bestimmt, wie viel normale Kursschwankung der Trade verkraften kann, bevor er geschlossen wird.
Formel zur Positionsgrößenbestimmung mit dem ATR
Die Positionsgröße ergibt sich aus dem Risikobudget geteilt durch den Stoppabstand, unter Berücksichtigung des Punktwerts des Instruments.
Positionsgröße = Risikobudget / (ATR x Multiplikator x Punktwert)

Bei einer Aktienposition beträgt der Punktwert 1. Bei einem Kontoeigenkapital von 50.000, einem Risikobudget von 1 Prozent beziehungsweise 500, einem ATR von 3,39 und einem Multiplikator von 2 beträgt der Stoppabstand 6,78. Die Positionsgröße ist somit 500 geteilt durch 6,78, also abgerundet 73 Aktien.
Bei einem Futures-Kontrakt mit einem hypothetischen Punktwert von 50 beträgt das Risiko je Kontrakt 6,78 multipliziert mit 50, also 339. Dasselbe Budget von 500 erlaubt damit 1,47 Kontrakte, also einen Kontrakt.
Der Punktwert muss den Kontraktspezifikationen des Instruments entnommen werden, nicht dem Indikator.
Den Multiplikator wählen: 1, 1,5, 2 oder 3
Es gibt keinen pauschal optimalen Multiplikator. Bei einem festen Risikobudget bedeutet jede Wahl eine Abwägung zwischen der Häufigkeit von Stoppauslösungen und der Positionsgröße.
| Multiplikator Stoppabstand (ATR 3,39) Stoppkurs bei Einstieg zu 100,00 Aktien bei 1 % von 50.000 Anfälligkeit für Stoppauslösungen |
|---|
| Multiplikator | Stoppabstand | Stoppkurs |
|---|---|---|
| 1x | 3,39 | 96,61 |
| 1,5x | 5,09 | 94,91 |
| 2x | 6,78 | 93,22 |
| 3x | 10,17 | 89,83 |
Das Muster ist eindeutig. Ein weiter entfernter Stopp verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die Position durch normale Kursschwankungen geschlossen wird. Gleichzeitig reduziert er die Positionsgröße, die mit demselben Risikobudget möglich ist. Dies sind rechnerische Zusammenhänge und keine Backtest-Ergebnisse. Ohne einen klar definierten Test ist daher kein Multiplikator überlegen. Ein Handelsplan sollte den Multiplikator und das Risikobudget vor dem Trade festlegen.
ATR-Trailing-Stopps
Ein Trailing-Stopp wird bei Veränderungen des ATR neu berechnet, sodass das Ausstiegsniveau sowohl dem Kurs als auch der Volatilität folgt. Steigt der ATR von 3,39 auf 4,20 und beträgt der Multiplikator 2, erweitert sich der Stoppabstand von 6,78 auf 8,40. Die Abwägung entspricht der bei festen ATR-Stopps: mehr Spielraum während eines volatilen Kursanstiegs, dafür die Abgabe eines größeren Teils des Gewinns bei einer Umkehr.
ATR zur Ausbruchsbestätigung und Beurteilung von Konsolidierungen
Ein steigender ATR bei einem Kursausbruch deutet darauf hin, dass die Bewegung von Überzeugung getragen wird, da sich die durchschnittliche Handelsspanne ausweitet, während der Kurs seine bisherige Spanne verlässt. Ein sinkender ATR bei einer Seitwärtsbewegung beschreibt eine Konsolidierung. Keine der beiden Beobachtungen bestätigt die Richtung, und der ATR identifiziert keine Unterstützungs- und Widerstandsniveaus.
ATR-Einstellungen: Periodenlänge, Chart-Zeiteinheit und die passende Auswahl
Kurze und lange Perioden
Eine kurze Periodenlänge gewichtet die jüngsten Kursbalken stärker und reagiert schneller auf Veränderungen. Sie erzeugt allerdings auch eine unruhigere Linie, wodurch sich der Stoppabstand bei nahezu jedem Kursbalken ändert.
Eine lange Periodenlänge verläuft glatter und reagiert langsamer. Deshalb kann sie ein Volatilitätsumfeld beschreiben, das bereits beendet ist. Für die jüngste Volatilität eignen sich 2 bis 10 Perioden, für die längerfristige Volatilität 20 bis 50. Diese Spannen beschreiben das Reaktionsverhalten und nicht die Genauigkeit. Die Auswahl sollte sich am Handelsstil orientieren und nicht an der Standardeinstellung des Charts.
Die ATR-Periodenlänge an die Chart-Zeiteinheit anpassen
Die Periodenlänge wird in Kursbalken des Charts gezählt. Dieselbe Einstellung deckt daher auf unterschiedlichen Charts sehr unterschiedliche Zeiträume ab.
| Chart-Zeiteinheit | Übliche Periodenlänge | Abgedeckter Zeitraum | Wichtigster Nachteil |
|---|---|---|---|
| 5 Minuten | 14 | Etwa 70 Minuten | Anfällig für kurzfristiges Intraday-Rauschen |
| 15 Minuten | 14 | Etwa 3,5 Stunden | Weiterhin stark vom Rauschen innerhalb des Handelstags geprägt |
| Stündlich | 14 | Etwa 14 Stunden | Erfasst keine Struktur über mehrere Handelstage |
| Täglich | 14 | 14 Handelstage | Bildet einen Wechsel des Volatilitätsumfelds nur langsam ab |
| Wöchentlich | 14 | 14 Wochen | Sehr langsam, nur für langfristige Zeithorizonte geeignet |
Ein ATR über 14 Perioden auf einem 5-Minuten-Chart und ein ATR über 14 Perioden auf einem Tageschart haben lediglich die Einstellung gemeinsam. Der erste beschreibt die letzte Stunde, der zweite die letzten drei Wochen.
Einstellungen sind nur dann nützlich, wenn Sie sie finden können. Genau hier unterscheiden sich die Plattformen.
So richten Sie den ATR in MT4/MT5 ein
MetaTrader 4 und MetaTrader 5 enthalten die Average True Range als Standardindikator mit einer voreingestellten Periodenlänge von 14. Sie finden ihn über das Menü „Einfügen“, dann „Indikatoren“ und anschließend „Oszillatoren“.
- Chart öffnen: Wählen Sie zuerst das Instrument und die Zeiteinheit aus, da die ATR-Periodenlänge in den Kursbalken dieses Charts gezählt wird.
- Indikator einfügen: Wählen Sie im Menü „Einfügen“ zunächst „Indikatoren“, dann „Oszillatoren“ und anschließend „Average True Range“. Dieselbe Liste finden Sie auch im Navigator-Fenster, das Sie mit Strg+N öffnen.
- Periodenlänge festlegen: Die Standardeinstellung ist 14. Ändern Sie sie nur, wenn Ihre Haltedauer von der Standardeinstellung abweicht, und verwenden Sie für alle Vergleiche auf diesem Chart denselben Wert.
- Bestätigen und platzieren: Klicken Sie auf „OK“ und ziehen Sie die ATR-Linie anschließend in ein separates Unterfenster, damit die Kursskala nicht gestaucht wird.

Grenzen und häufige Fehlinterpretationen des ATR
Der ATR beschreibt vergangene Handelsspannen und ist daher nachlaufend. Er kann keine Richtung anzeigen, und sein absoluter Wert lässt sich nicht zwischen verschiedenen Vermögenswerten vergleichen.
- Keine Richtungsinformation. Die Formel verwendet absolute Beträge. Deshalb ergeben gleich große Rallys und Kursrückgänge identische Werte.
- Konstruktionsbedingte Verzögerung. Der neueste Kursbalken trägt nur 1/14 zu jedem neuen Wert bei. Eine Kurslücke wird daher sofort in der True Range erfasst, geht aber nur allmählich in den Durchschnitt ein.
- Kein direkter Vergleich zwischen Vermögenswerten. Die Werte werden in Preiseinheiten angegeben. Deshalb weist ein Instrument mit einem Kurs von 250 Dollar bei ähnlicher prozentualer Volatilität normalerweise einen höheren ATR auf als ein Instrument mit einem Kurs von 25 Dollar.
- Verlust der Vergleichbarkeit nach strukturellen Veränderungen. Ein Aktiensplit, eine erhebliche Kursanpassung oder ein anhaltender Trend, der das Kursniveau des Instruments verändert hat, können dazu führen, dass frühere ATR-Werte nicht mehr mit aktuellen Werten vergleichbar sind.
Eine grundlegende Fehlinterpretation sollte ausdrücklich korrigiert werden: Der ATR wird manchmal als Maß für die Trendstärke beschrieben. Das ist er nicht. Er misst das Ausmaß der Kursbewegung. Eine große Handelsspanne kann innerhalb eines Trends, gegen einen Trend oder in einem richtungslosen Markt auftreten. Für sich allein ermöglicht der ATR auch kein wirksames Risikomanagement, denn er liefert nur eine Eingangsgröße. Die übrigen Bestandteile des Risikorahmens müssen anderweitig festgelegt werden.
ATR im Vergleich zu anderen Volatilitätsmaßen
ATR, Standardabweichung, Bollinger-Bänder, Keltner-Kanäle und VIX beschreiben allesamt Volatilität. Sie verwenden jedoch unterschiedliche Eingangsgrößen und beantworten unterschiedliche Fragen.
| Kennzahl | Eingangsgröße | Einheit | Beantwortete Frage |
|---|---|---|---|
| ATR | Hoch, Tief und vorheriger Schlusskurs über N Perioden | Preiseinheiten | Wie groß ist die durchschnittliche Spanne eines Kursbalkens? |
| Standardabweichung | Renditen zwischen aufeinanderfolgenden Schlusskursen | Prozent oder Preiseinheiten | Wie stark streuen die Renditen? |
| Bollinger-Bänder | Gleitender Durchschnitt zuzüglich oder abzüglich eines Vielfachen der Streuung der Schlusskurse | Preiseinheiten | Wo liegt der Kurs im Verhältnis zu seiner eigenen Streuung? |
| Keltner-Kanal | Gleitender Durchschnitt zuzüglich oder abzüglich eines Vielfachen des ATR | Preiseinheiten | Wo liegt der Kurs im Verhältnis zur durchschnittlichen Handelsspanne? |
| VIX | Optionspreise auf den S&P 500 | Annualisierte Prozentpunkte | Welche Volatilität erwartet der Optionsmarkt? |
Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen realisierter und impliziter Volatilität. ATR, Standardabweichung, Bollinger-Bänder und Keltner-Kanäle beschreiben bereits erfolgte Bewegungen, während der VIX die in Optionen eingepreisten Erwartungen abbildet. Der ATR bleibt außerdem unverändert, wenn alle historischen Kurse um einen konstanten Betrag verschoben werden. Das macht ihn für rückwärtsadjustierte Futures-Kursreihen praktisch.
Der ATR unterscheidet sich auch von Richtungs- und Momentumindikatoren. Der Relative-Stärke-Index enthält Richtungsinformationen, die der ATR bewusst ausklammert. Indikatoren wie ein gleitender Durchschnitt oder der Average Directional Index sind dagegen auf Trendfragen ausgerichtet. Verwenden Sie den ATR für das Ausmaß einer Bewegung und einen Richtungs- oder Momentumindikator für deren Richtung.
Häufig gestellte Fragen zur Average True Range
Was sagt die Average True Range aus?
Sie gibt das durchschnittliche Ausmaß der Kursbewegung über den gewählten Zeitraum in Preiseinheiten an und ist damit ein direktes Maß für die Marktvolatilität. Ein steigender ATR bedeutet, dass sich die Handelsspannen ausweiten; ein fallender ATR zeigt, dass sie sich verengen. Über die Richtung sagt er nichts aus.
Eignet sich der ATR für das Daytrading?
Der ATR ist nützlich, um auf Intraday-Charts den Stoppabstand und die Positionsgröße festzulegen. Er erzeugt keine Einstiegssignale, und kurze Periodenlängen sind anfällig für Rauschen. Am besten funktioniert er zusammen mit einem Instrument, das die Richtung beurteilt.
Was bedeutet 2 ATR im Trading?
Zwei ATR entsprechen einem Abstand in Höhe des Zweifachen des aktuellen ATR-Werts. Ein Stopp, der 2 ATR vom Einstiegskurs entfernt liegt, hat einen Abstand von zwei durchschnittlichen Handelsspannen. Das gibt dem Trade mehr Spielraum als ein Stopp bei 1 ATR und erfordert bei gleichem Risikobudget eine kleinere Position.
Wie setzt man mit dem ATR einen Stop-Loss und einen Take-Profit?
Ein gängiger Ansatz platziert den Stopp um ein Vielfaches des ATR unterhalb des Einstiegskurses und legt das Kursziel in einem weiteren ATR-Vielfachen fest. So werden sowohl Chance als auch Risiko anhand der Volatilität definiert. Die Wahl des Multiplikators bleibt eine Ermessensentscheidung, die von der Haltedauer und der Risikotoleranz abhängt.
Welche ATR-Periodenlänge ist die beste?
Es gibt keine allgemein beste Periodenlänge. Wilders Standardeinstellung ist 14. Periodenlängen von 7 bis 10 reagieren schneller, während 20 bis 50 Perioden ein trägeres Volatilitätsumfeld beschreiben. Die richtige Wahl passt zur vorgesehenen Haltedauer.
Warum unterscheidet sich mein ATR in MT4 von dem in TradingView?
Die Plattformen unterscheiden sich bei der Glättungsmethode, beim Umfang der vor dem ersten sichtbaren Kursbalken geladenen Historie und bei der Rundung. Kleine Abweichungen sind zu erwarten. Vergleichen Sie ATR-Werte innerhalb einer Plattform statt zwischen zwei Plattformen.
















